Wissenschaftliche Grundlage der Paartherapie München
Liebe und Bindung in der Paartherapie
Liebe ist das zentrale Agens für die Entstehung einer Zweierbeziehung. Bei der Wahl eines Ehepartners ist sie in unserem Kulturkreis gleichsam zur Bedingung sine qua non geworden. Wohl alle erhoffen sich, dass sie sich dieses tiefe Gefühl von Nähe und Verbundenheit ein Leben lang erhalten können. Eine theoretische Konzeption des Gelingens und Scheiterns von Partnerschaft erfordert daher eine systematische Beschäftigung mit diesem essenziellen menschlichen Gefühlsbereich. Die Arbeiten von Hazan und Shaver (1987) haben den Grundstein gelegt für ein entsprechendes sozial-kognitives Lernmodell. Liebe wird dabei in funktionalen Zusammenhang mit Bindung und Beziehungsgestaltung gesetzt.
Die Bindungstheorie stellt einen geeigneten theoretischen Rahmen dar, um viele Einzelbefunde über Entstehung und Aufrechterhaltung einer engen intimen Beziehung zu einem integrativen Modell zusammenzufassen. Sie geht ursprünglich auf Bowlby (1969) zurück, wurde dann von Entwicklungspsychologen aufgegriffen und weiterentwickelt. In den letzten zwei Jahrzehnten fand sie zunehmend Eingang in die Sozialpsychologie und führte zu einer Reihe von Untersuchungen über Bindungsverhalten im Lebensverlauf (Grossmann und Grossmann 2015). Zentrale Annahme einer so erweiterten Bindungstheorie ist, dass aufgrund früher Lernerfahrungen in Kindheit und Jugend ein persönliches inneres Arbeitsmodell über enge Beziehungen gebildet wird, welches sowohl die Partnerwahl als auch die Gestaltung von Ehe und Partnerschaft im Erwachsenenalter im Wesentlichen bestimmt (Asendorpf et al. 2017; Bodenmann 2016).
So entstanden – unter Einbezug der emotionalen Anteile – Ansätze zu einem kognitiv-behavioralen Erklärungsmodell für die Beziehungsgestaltung unter Berücksichtigung des lebensgeschichtlichen Hintergrundes, das auch viele klinische Phänomene erfasst und somit große Relevanz für das therapeutische Vorgehen bei Partnerschaftsproblemen hat.
Schindler, Ludwig; Hahlweg, Kurt; Revenstorf, Dirk. Partnerschaftsprobleme: Diagnose und Therapie: Handbuch für Therapeuten (Psychotherapie: Praxis) (pp. 43-44)